Avatar - das Geheimnis seines Erfolges

Die zwei Ebenen des internationalen Kinoerfolges von Autor und Regisseur James Cameron

 

Action, Abenteuer, Romantik, Spezialeffekte satt. Und das Ganze mit Öko-Botschaft und in 3d. Ist das die Formel, die 'Avatar' dazu brachte, als erster Film der Geschichte die Eine-Millarde-Dollar-Grenze der internationalen Einspielergebnisse binnen eines Monats zu überschreiten und schließlich sogar 'Titanic' nach zwölf Jahren als Film mit dem höchsten Einspielergebnis aller Zeiten abzulösen? Zwar sind die internationalen Einnahmen an den Kinokassen als Maßeinheit eines Filmerfolges umstritten, da Inflation und 3d-Aufpreis ein verzerrtes Bild liefern. Aber auch im alternativen Maß, der Anzahl der Kinobesucher, ist das technisch vor wie hinter der Kamera so neuartige Werk ein weltweit beachtlicher Erfolg. So beachtlich, dass die genannte Formel zur Erklärung nicht ausreichen kann - eine Variable fehlt.

 


Gleichnisse, die unsere tiefsten Sehnsüchte berühren

 

Durch die Augen eines Soldaten, der innerlich und äußerlich verwundet ist, wird der Zuschauer mit auf eine Reise genommen, die all dies enthält. Cameron nutzt hierfür einfache Botschaften und kraftvolle Bilder, vor allem aber eine ganze Reihe von Gleichnissen:

Die Na´vi

stehen für nichts anderes als den Menschen in seiner urtümlichen Naturverbundenheit. Den homo sapiens, der als Aborigine und Indianer, als Urwaldeinwohner und Nomade die Natur sieht und erfährt, wie es dem Auge des Zivilisationsmenschen größtenteils verborgen bleibt. Die Riten der Na´vi und ihre Achtung vor der Natur sind Naturvölkern entlehnt, die vergleichbare Praktiken und innere Haltungen noch heute zeigen. Dadurch beschert uns Avatar das Paradoxon, in Form von Aliens zu erleben, was im Grunde tief menschlich ist.

Die Natur Pandoras

steht ergo für die unberührte Natur, die wir Menschen auf unserem Planeten so achtlos behandeln, ohne mit ihr wirklich in den erlebten, abenteuerlichen Kontakt und die respektvolle Gefühlsnähe zu treten, zu der sie stets offen ist. Avatar prangert ihre Zerstörung durch den Menschen hier wie da an und macht sie dem Zuschauer als seine urtümliche Heimat fühlbar.

ist wohl die spirituellste Parabel des Films, da sie die Einheit aller Dinge symbolisiert, zumindest die geistige. Die Wurzeln der Bäume Pandoras sind untereinander verbunden, ihre Nervenzellen kommunizieren somit mit einer unermesslichen Zahl anderer. Die Natur spricht über Zeichen zu ihren Bewohnern, und jedes höhere Wesen hat ein Organ, über das es mit diesem Netzwerk, aber auch mit anderen Wesen in direkten Bewusstseins-Kontakt treten kann. Alles, was je in dieses Netz 'eingespeist' wurde, wird gespeichert und dem kollektiven Bewusstsein hinzugefügt.

 

Die Reise der Hauptfigur

ist das tragende Element einer jeden Geschichte, so auch in Avatar. Und sie ist voller Reflexionen über den modernen Menschen bzw. die unmenschliche Moderne. So erinnern die häufigen 'Ausflüge', die der an den Rollstuhl gefesselte Ex-Marine in seinem Bewusstsein in die Welt Pandoras unternimmt, zunächst an jene Realitätsflüchte, die viele Menschen gerne per Fernsehen, Kino, Videospiel oder -klassisch- Bücher unternehmen. Wie gerne sind wir doch in unserer Phantasie ein Stück größer, stärker, lebhafter, wertvoller und geliebter als in unserer alltäglichen Wirklichkeit, der viele oft und gerne entfliehen?

Doch was für den gelähmten Jake Sully wie ein ebensolches Videospiel beginnt, in dem er auf eigenen Beinen laufen kann und Erfahrungen macht, die er sich niemals hätte vorstellen können, wird im Verlaufe der Geschichte und insbesondere im Abschluss des Films für ihn zur neuen und gewählten Realität. Denn er erkennt, dass nicht die Welt, aus der er stammt, ihm näher wäre oder ihm mehr entsprechen würde, sondern die, in die er anfangs eigennützig reist. Nicht nur aufgrund von Abenteuer, Gesundheit, neuem Selbstwert und Frühlingsgefühlen entscheidet er sich für diese letztere -und der Zuschauer mit ihm-, nein, Avatar transportiert hier das nächste Paradoxon: Nicht die von modernen Menschen gebaute Umgebung und unsere Art, darin miteinander zu leben, entspricht dem Menschen. Sie ist das eigentlich Fremde. Die Welt der Na´vi hingegen, die zunächst so fremd und fern erscheint, hält Avatar uns vor Augen und vor Herzen als dem Menschen in seinem Wesen und seinen Werten entsprechender. Nicht in jeder Hinsicht, noch nicht einmal in dem prägnanten äußerlichen Kontrast – Metallwände und Monitore hier, endlose Wälder und freie Wildbahn dort. Stattdessen geht es um das Innere, die Art der Gemeinschaft, die Haltung gegenüber den Dingen und Wesen. Avatar tut dem Kinobesucher spürbar kund, dass das ursprüngliche 'Natur- und Gemeinschaftswesen Mensch' an vielen Stellen versäumt hat, manch Wertvolles mit in seine kulturelle Evolution einzubeziehen und in die Moderne zu transferieren. Er lässt uns unsere eigene Verwurzlung und Verbindung mit 'dem Ganzen' spüren – beziehungsweise deren sehnsüchtiges Fehlen.


 

 

Und ein sehr wertvolles obendrein, denn es unterhält nicht nur, sondern es dient uns allen ein Stück. Denn das, was unsere reale und wunde Welt an erster Stelle braucht, ist die Sehnsucht möglichst vieler Menschen nach einer heileren und friedlicheren Welt und einem lebendigen Miteinander in Liebe und gegenseitiger Achtung. Ob es Camerons bewusste Absicht war, einen Film zu erschaffen, der diese Sehnsucht zum Leuchten bringt, sei dahingestellt. Das Genie, das über so viele geistige, intuitive, emotionale und handwerkliche Fähigkeiten gleichzeitig verfügt, hat es jedenfalls getan.

Vielen Dank dafür und gute Unterhaltung für alle, die Avatar noch(mals) anschauen.



© Arno Hohensee

www.beseelte-worte.de

 

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