Koranverbrennung - sie haben Jesus nicht verstanden

ein Kommentar zur Verbrennung von Exemplaren des Korans durch Christen


In alten, religiösen Büchern steht viel. Und unkritische „Anhänger“ solcher Werke ignorieren möglicherweise, dass auch diese Bücher letztlich von Menschen geschrieben wurden, dann von anderen kopiert, übersetzt und mitunter verfälscht wurden, bewusst oder unbewusst. Und sicher wurden und werden die religiösen Werke der Menschheit oft missbräuchlich interpretiert, um sich unter ihrem scheinbar rechtfertigenden Deckmantel über andere Menschen zu stellen oder sie gar zu bekämpfen.

Dies alles macht es verständlich, wenn manche Menschen einen Unmut entwickeln gegenüber religiösen Büchern und gegenüber jenen Personen, die fragwürdiges Tun mit ihnen begründen. Wenn solcher Unmut aber darin gipfelt, dass Menschen Bücher verbrennen, auf denen Religionen aufbauen und die ursprünglich Friedvolles und Wertvolles im Sinn hatten, folgen sie dann selbst ihren eigenen religiösen Werten noch? Oder ist das nicht vielmehr wiederum ein Akt des menschlichen Egos: "Ich stelle mich über Dich und kämpfe gegen Dich." ?


Jesus oder Trennung

Der Autor dieser Zeilen mag vielleicht nicht sonderlich bibelfest sein, doch habe ich einen intuitiven Kontakt zur Lehre Jesu. Aus diesem sehe ich es als Widerspruch, wenn jemand sich „Christ“ nennt und gleichzeitig den Koran verbrennt. "Ich gebe Euch ein neues Gebot: Liebet einander. Ihr sollt einander so lieben, wie ich Euch geliebt habe."
- Jesus (Johannes 13,34)
Denn eine wesentliche Botschaft Jesu, der sogar die allseits unbeliebten Zöllner zu Festen einlud, war „liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“. Sie war nicht „verbrenne seine Bücher“. Jesus ging es um die friedvolle Einheit aller Menschen, die sich nur entfalten kann, wenn wir Feindbilder fallenlassen, den Anders­denkenden verstehen und respektieren lernen, ja ihn gar lieben lernen, indem wir dabei auch das „Andersdenkende“ in uns selbst verstehen, respektieren und lieben lernen.

Wenn aber ein christlicher „Glaubensmann“ den Koran verbrennt, um jenen ein Zeichen zu senden, die ihre Gewalt mit dem Koran begründen, dann ist er auf dem Pfad der Trennung, des Feindbildes, des Egos, nicht auf dem Weg des Christseins bzw. dem Weg Jesu. Er wendet sich mit einem solchen Akt überdies nicht nur gegen die sogenannten „radikalen“, sondern symbolisch gegen alle Muslime, denn es gibt nicht den einen Koran für die Ersteren und einen anderen Koran für die Letzteren. Und die meisten Muslime sind friedlichen Verhaltens.


sie spiegeln einander

"Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richte, sondern damit die Welt durch ihn gerettet werde." - Jesus (Johannes 3,17-18)

So macht sich der Christ, der den Koran verbrennt, um sich gegen islamistische Gewalt zu äußern, zu einem Spiegelbild dessen, wogegen er sich äußert - des Islamisten nämlich, der gegen die Christen zu Felde zieht. Denn beide äußern Ihre Wut und Abneigung gegen den Anderen mit Handlungen der Zerstörung von Dingen des Anderen. Und beide berufen sich dabei fälschlicherweise auf Ihre eigenen, religiösen „Werte“, anstatt die Wut und die Abneigung in sich selbst zu heilen, um Feindbilder aufzugeben und Güte und Frieden leben zu können. Das wäre sicherlich eher im Sinne der „Religionsväter“ gewesen, wie ich zumindest im Falle Jesu mit Gewissheit sagen kann. Daher kann ich ebenso gewisslich sagen: Der Christ trennt sich im Verbrennen des Korans nicht weniger weit von Jesus als der Muslim sich im Kampf gegen den Christen vermutlich von Mohammed trennt.

Und außerdem: Wäre das Verbrennen des Korans rechtens, weil manche Muslime Gewalt ausüben, wäre dann das Verbrennen der Bibel etwa weniger rechtens, wo das Christentum doch in der Geschichte vermutlich nicht weniger gewaltvolle Anhänger hatte als der Islam?


der kategorische Imperativ der Religionen

Doch anstatt vergangene Ungerechtigkeiten gegeneinander aufzuwiegen, um unsere Handlungen der Trennung zu begründen, können wir entscheiden,"Geht so mit den Menschen um, wie ihr selbst behandelt werden möchtet. Denn darin besteht das ganze Gesetz und die Propheten." - Jesus (Matthäus 7,12) ob uns solche Handlungen wirklich entsprechen und ob wir sie uns von Anderen wünschen würden. Denn dies ist ein Leitsatz vielleicht aller großen Religionen: Tue anderen, wie Du wünschst, dass Dir getan wird. Wer sich als Christ also wünscht, dass die Bibel verbrannt wird, der mag den Koran verbrennen. Aber ein Christ, der die Lehre Jesu verinnerlicht hat, müht sich wohl eher, seinen Zorn und seine Abneigungen zu heilen, das Verzeihen zu wählen und sich um Verständnis zu bemühen, um so den Frieden zu leben und die Liebe zu geben. Und das sähe sicherlich anders aus als das anklagende Verbrennen von Büchern.



© Arno Hohensee

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