Neue Wege der (poli­tischen) Stand­punktfindung
- ein Brief an die Piratenpartei

Neues Verständnis für Meinungsbildung, Stand­punkt- und Entscheidungsfindung - und die Hoffnungen eines Wählers / ein Schreiben an die Bundesgeschäftsstelle der Piratenpartei im Mai 2012


Liebe „Piraten“,

zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu Eurem bundesweiten Erfolg. Es ist für mich -als poli­tisch wenig einge­ordneten aber inter­essierten Menschen- spannend zu sehen, wie sich mit Euch eine junge Bewegung entwickelt, die ein neues Gedankengut und teils neue innere Haltungen mit sich bringt. Ich schreibe diesen Brief, weil ich als Wähler, der sich Verän­derungen im poli­tischen Selbst­verständnis wünscht, gerne einen Impuls setzen möchte. Dabei geht es mir um einen konstruktiveren Umgang mit der Bildung von Meinungen, der Einnahme von Stand­punkten und der Wahl von (Denk-)Konzepten, als ich dies bei anderen Parteien wahrnehme.

Einige von Euch standen bereits vor der Kamera und wurden der Erwartungs­haltung ausgesetzt, eine Meinung zu äußern zu diesem oder jenem und kundzutun, welchen Stand­punkt Eure Partei dazu hat. Es war mir sehr angenehm, dass Ihr eben nicht zu allen Fragen bereits eine Meinung habt. Es weckte mein Interesse, dass manchmal eine Antwort getroffen wurde in der Art: „Zur Zeit ist eine Mehrheit von uns dafür.“. Ich glaube, Ihr seid hier auf einem guten Weg, wenn Ihr nicht der Versuchung verfallt, dem öffentlichen, medialen Wunsch nach Meinungen, Stand­punkten und Konzepten bzw. Rezepten nachzugeben. Nicht nur für Eure Einzig­artigkeit sondern für das konstruktive Potenzial, das im Herzen Eurer Partei schlägt, scheint es mir wichtig, eine ganz neue, eigene Art im Umgang mit Euren poli­tischen Stand­punkten und deren beständiger Weiter­entwicklung zu finden.

Im Folgenden möchte ich erklären, warum ich das so sehe und auf welche prinzi­pielle Weise man diesen wichtigen Aspekt der poli­tischen Selbstschöpfung neu angehen könnte.

 

Meinungen und Stand­punkte - mitunter selbstbeschränkend

Es ist im Denken der modernen Gesellschaft und insbe­sondere auch der poli­tischen Parteien Gang und Gäbe, zu allen möglichen Fragestellungen eine Meinung zu vertreten. Dabei wird die Meinung meist verstanden als ein Stand­punkt für oder gegen etwas, als pro oder contra, als Bewertung von falsch und richtig. Man könnte dieses Verständnis von „Meinung“ vielleicht bezeichnen als “polare Meinung“. Solche polaren Meinungen helfen uns dabei, einen eigenen Stand­punkt zu wählen gegenüber einer Frage­stellung oder einer Sache. Fraglich ist dabei nur, ob diese Meinung bzw. der Stand­punkt der komplexen Realität unseres Lebens und poli­tischer Fragestellungen überhaupt gerecht werden kann. Denn bekannterweise sind die Dinge nicht nur schwarz und weiß nicht nur gut und schlecht und ihre Wirkungen nicht nur wünschens­wert und nicht nur vermeidens­wert. Selbst die alte Rede­wendung, dass alles immer 2 Seiten hat, ist letztlich schon zu reduziert. Unsere Denkweise und unsere Stand­punkte in polaren, wertenden Meinungen mögen uns ein gutes Gefühl darin geben, zu wissen, wer wir in Bezug auf eine Frage­stellung sind. Das ist wohl auch der Grund, warum wir so an ihnen festhalten. Aber wenn wir uns über eine Meinung definieren, beschränken wir uns letztlich selbst. Schließlich sind wir selbst auch zu viel diffe­renzier­terer Betrachtung und wert­freiem Verständnis der Dinge fähig. Und das ist es, was mehr Potenzial hat zu konstruktiven und ganzheitlichen Antworten. Da ein differenzierter Blick aus mehreren Stand­punkte schaut, wird der Diffe­renzierende oft als „Stand­punktlos“ bewertet - von Menschen freilich, die selbst nicht differenzieren. Diffe­renziert­heit und braucht in der Tat fraglos länger, um manche Antwort zu finden, wo die polare Meinung direkt eine Antwort hätte. Aber wenn es sich einmal in unserem kollektiven Denken etabliert hat, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit zu konstruk­tiveren Ergebnissen führt als das Vertreten von schnellen Meinungen, die bekanntlich auch unter­bewusste emotionale Aspekte beinhalten, dann wird auch eine neue Politik in diesem Lande möglich sein. Eine Politik mit weniger Lagerbildung, weniger Schwarz­weiß­malerei, weniger Streiten, weniger Anfeindungen und mehr ganzheit­lichem Verständnis, das mehrere Stand­punkte integriert und nachhaltigere und konstruk­tivere Beschlüsse fasst.

 

Konzepte - Schablonen aus der Vergangenheit

Analog zu dieser Betrachtung von Meinungen als polare Meinung einerseits im Gegensatz zu einer differ­enzier­tem Verständnis andererseits, lässt sich auch unser geistiger Umgang mit Konzepten betrachten: Konzepte sind Schemata, nach denen wir Dinge einordnen und beantworten. Auch Konzepte helfen uns, Dinge zu beurteilen, ohne sie lange oder erneut analysieren zu müssen. Wer z.B. den Denkkonzept folgt, dass jeglicher Straßenneubau abzulehnen sei, weil dadurch Natur­fläche verlorengeht, der weiß ohne weitere Überlegung, wie er zu der Frage einer neuen Umgehungs­straße steht. Auf solche Weise helfen uns auch Konzepte, unseren eigenen Stand­punkt zu wählen und uns gegenüber einer Sache zu definieren und so Entschei­dungsfindungen abzukürzen. Ein Konzept ist somit eine Art Stütze oder Schablone, die aus bisherigem Verständnis und ver­gangenen Erfahrungen und daraus resultierenden Beurteilungen entstanden ist, und die auf Neues, Ähnliches angewendet werden kann. Das hat Vorteile. Und es hat Nachteile. Die Erfahrungen von gestern als Konzepte für das heute zu verwenden, und die Erfahrungen von heute zu den Konzepten von morgen werden zu lassen, wird einer hoch­komplexen Welt, die sich beständig wandelt, immer weniger gerecht. Und es wird nicht der viel­dokumen­tierten Tatsache gerecht, dass wir mit unserer einge­schränkten und verzerrten Wahrnehmung der Dinge nur eine reduziert und gleichfalls verzerrte, subjektive Erfahrung der Wirklichkeit machen. Und diese werten wir dann nochmals verzerrend aus.

In der Summe beruhen Konzepte also auf letztlich frag­würdigen Bewer­tungen von fragwürdigen „Erfahrungen“ aus früheren und vermeintlich ähnlichen Umständen. Philo­sophisch gesprochen:

Konzepte haben nicht viel mit JETZT zu tun. 

Und wenn wir offenen Geistes eine Sache betrachten und verstehen möchten, um best­möglich zu entscheiden, müssen wir uns letzt­lich von allen Konzepten im Sehen, Denken und und Bewerten verabschieden können, um einen möglichst klaren Blick auf die Situ­ation zu haben. Vielleicht kommt dabei dieselbe Sichtweise oder Entschei­dung heraus, als hätten wir aus einem Konzept heraus geschaut und entschieden. Oft genug aber wird das wohl nicht der Fall sein.

“Jede Technik, und sei sie auch noch so gut, ist dazu bestimmt, vergessen zu werden... Sie wird zur Krankheit, wenn der Geist von ihr besessen ist.“ 

Auch wenn der Urheber dieser Sätze, Bruce Lee, sich mit diesen Worten auf einen anderen Zusammen­hang bezog, so sehe ich in diesen Worten eine sehr univer­selle Wahrheit. Und aus psychologischem Kontext kommt ein ebenfalls treffliches Sprichwort hinzu:

„Gute Fragen muss man vor schnellen Antworten schützen.“ 

Ich möchte ergänzen:

„Gute Fragen muss man oftmals vor früheren Antworten schützen.“ 

Erst auf diese Weise kann der Gegner der Umgehungs­straße erkennen, dass diese den Verkehrs­fluss möglicher­weise so günstig beein­flusst, dass Sprit in erheb­lichen Mengen eingespart wird und dadurch an anderer Stelle auf der Erde Natur erhalten bleibt - beispiels­weise dort, wo sonst mehr Öl abgebaut würde. So könnte er erkennen, dass sein Ziel, die Natur zu schonen, durch den Bau der Umgehungs­straße vielleicht doch stärker gestützt wird als ohne sie. Und er würde viel­leicht zulassen, auch einem anderen Ziel Gewicht zu geben: dem der Gesundheit der Bevöl­kerung, die weniger unter dem Verkehrs­aufkommen im Ortsinnern leiden müsste, wenn die Umgehungs­straße gebaut würde.

 

eine mögliche Alternative und ihr Preis

Eine landesweite Entwicklung weg von gedank­lichen und handlungs­mäßigen Konzepten und weg von alten Arten der Meinungs­bildung, Bewertung und überzogener Stand­punkt­treue hin zu beständiger Neu-Betrachtung und Verständnis-Erweiterung der Dinge ist seit langem ein Wunsch von mir. Und in Eurer Partei, die teilweise offen eine Meinungs­losigkeit vertritt, sehe ich die Chance, dass eine solche neue Art von Denken mehr als jemals zuvor Einzug in die Politik erhält.

Und anstelle von festen, emotions- und konzept­behafteten Meinungen und Urteilen könntet Ihr weiterhin stets aktuelle Ein­schät­zungen vertreten, die die Mehr­heits­verhält­nisse Eurer Partei zeigen. Und dies als dauerhafte Partei-Kultur und eben nicht nur solange, bis ein Stand­punkt gefunden wurde, den Ihr dann nach außen fortan vertreten würdet.

Für eine solche Abkehr von festen und verlässlichen Stand­punkten müsstet Ihr einen Preis bezahlen, den der statischen Einord­barkeit durch den Wähler. Denn Eure Positionen würden sich verändern, wenn Eure Mehrheits­verhält­nisse sich ändern bzw. Eurer kollektives Verständnis der Sache wächst. Aber diesen Preis zu zahlen ist -so glaube ich- sinnvoll, denn die Statik macht es uns Wählern zwar leichter, Parteien einzuordnen, sie ist aber wohl kaum ein „Wert“, den es zu leben gilt, da er uns letzt­lich nicht dient. Und viele von uns Wählern verstehen das, wenn nicht rational, dann intuitiv.

 

viele Wähler sind sich der Komplexitäten bewusst und der Meinungs­fronten überdrüssig

Wir sind selbst gespalten, was viele Frage­stellungen angeht - als Wählervolk und als Einzelne. Ich weiß nicht, welchen Stand­punkt ich zu „Afghanistan“ einnehmen würde, müsste ich einen einnehmen. Und ich hätte kein Problem mit einer Partei, die z.B. sagt: „Zur Zeit schätzt eine knappe Mehrheit von uns den Bundes­wehr-Einsatz in Afghanistan für sinnvoller ein als den Abzug - aber diese Mehrheit könnte sich ändern, wenn sich die Sachlage dort ändert.“. Im Gegenteil, ich würde das begrüßen. Und selbst die -erneute- 180-Grad-Wende von unserer Bundes­kanzlerin bei Ihrer Wahl des Atomaus­stiegs hat sie kaum Sympathie gekostet in den Meinungs­umfragen. Sie argumentierte: „Fokushima verändert alles.“. Geglaubt hat man ihr diese Erneuerung der Haltung nicht ganz, wie man der Presse entnehmen konnte. Aber das Volk akzeptierte offenbar die Begründung.

Viele Wähler, da bin ich mir sicher, wünschen sich Parteien, die nicht erst eine Katastrophe brauchen, um eigene Stand­punkte ändern zu können, sondern die vorher den Mut haben, sich neu zu positionieren oder frühzeitig zu bekunden, dass sie bereits mehrere Stand­punkte anerkennt - unabhängig davon, was manche Stammwähler und die Opposition dazu sagen. Sie wünschen sich Parteien, die jederzeit bereit sind, neue Beobachtungen, Fakten und Per­spek­tiven in sich aufzunehmen und ggf. Konse­quenzen daraus zu ziehen - und sich selbst infolge­dessen beständig weiter­zuent­wickeln. Wenn eine Partei sich so definiert, dann würde sie nicht von allen gewählt werden. Wenn sie aber klare Maßgaben ernennt, nach denen diese inneren Prozesse kultiviert sind, und diese dann transparent macht, dann haben wir endlich ein Novum, ein solches, das vermutlich doch viele mehr anspricht als abschreckt.

Letztlich ist vielen von uns Wählern klar, dass ein einzelner Stand­punkt nur eine einzelne Pers­pektive ermöglicht, und dass die Dinge nicht vollständig verstehbar sind aus nur einer Per­spek­tive. Und Bewusst­sein ist die Summe aller Per­spek­tiven, die wir einnehmen können. Ein weites Bewusst­sein hat viele Sichtweisen in sich integriert. Darum haben Personen mit weitem Bewusst­sein oft viel Verständnis für die Positionen anderer, ohne sie zu verurteilen. Und darum wirken die etablierten Parteien oft eng in ihrem Bewusst­sein, weil sie selten Verständnis für die Stand­punkt der anderen äußern.

Aber uns ist natürlich auch klar, dass der Unterschied zwischen den wahrlichen Ansichten z.B. von Opposition und Regierung gar nicht so groß ist, wie das Geschrei der Parteien suggeriert. Und viele von uns, zumindest viele, die ich kenne, langweilt dieses ewige Auf­einander­schlagen von Meinungen und Bewertungen. Wo ist die Partei, die den Mumm hat zu sagen: „Wir glauben, dass es sinnvollere Wege gibt, Familien zu unterstützen, als das Betreuungsgeld. Aber wir haben aktuell noch keinen besseren Vorschlag, da wir uns auf andere Dinge konzentrieren. Deshalb enthalten wir uns in dieser Frage.“ - ohne Entschuldigung, ohne Recht­fertigung, sondern selbstbewusst und kraftvoll?

 

Seid Ihr anders?

Ja, uns langweilen die Spaltungen, die immer gemacht werden, um sich von den anderen Parteien abzu­grenzen. Und natürlich erregt in so einer Atmosphäre eine Stand­punkt­änderung immer den Verdacht, nicht authentisch sondern taktisch zu sein. Was für eine Kultur wurde damit in unserem Land gefördert? Die der Diffe­renziertheit, Wert­schätzung und des Konsenses ist es sicherlich nicht. Wir müssen nicht zu allem eine Meinung haben (diese Forderung stammt aus dunklen Zeiten unserer Nation), die wir gegen Anders­meinende behaupten müssten, um zu wissen, wer wir sind und wie viel Zustimmung und Wertgefühl wir dadurch bekommen. Aber genau das lebt uns die Politik vor.

Manche wollen das nicht mehr. Ich will das nicht mehr. Ich wünsche mir eine neue Kultur, eine neue Partei, die anders denkt und handelt. Seid Ihr das? Könnt Ihr Euch stets selbst in Frage stellen, stets neu schauen und dazu stehen, wenn Ihr etwas anders seht als gestern? Könnt Ihr den anderen wertschätzen, auch wenn er in seinen Sichtweisen zu anderen Einschätzungen kommt? Könnt Ihr Euch für die Einschätzung des Anderen inter­essieren, um Euer eigenes Verständnis möglicher­weise zu erweitern, auch wenn Euch die andere Sicht zunächst abwegig vorkommt? Könnt Ihr Euren eigenen momentanen Stand­punkt argumen­tativ und wertfrei vertreten anstatt belehrend? Könnt Ihr voller Selbst­vertrauen und Selbst­sicherheit dazu stehen, wenn sich Eure Beurteilung zu etwas weiter­entwickelt? Könnt Ihr das - als Partei, als Partei­mitglieder, als Menschen?

 

Stand­punkte: nur erforderlich für Entschei­dungen

Die Furcht davor, keine Meinung, keinen Stand­punkt zu etwas zu haben, scheint weit verbreitet, nicht nur in der Politik. Wir fühlen uns schnell unwissend und unqualifiziert, wenn wir uns selbst keine Meinung anmaßen - obwohl gerade das oft wohl die quali­fizier­teste aller möglichen Haltungen wäre.

Das alles soll natürlich nicht bedeuten, dass das Einnehmen eines Stand­punktes, das Bilden einer Meinung etwas pauschal Schlechtes wäre. Es ist sogar notwendig, aber nur für einen bestimmten Anspruch:

Das einzige, wozu wir einen Stand­punkt bzw. eine Meinung brauchen, ist der Moment, wo wir eine Entschei­dung treffen müssen. Hier muss für einen Augenblick der Schwerpunkt aller Sichtweisen und Verständnis­anteile erkannt und zum Stand­punkt werden, aus dem heraus entschieden wird. Dann dürfen die Betrachtungen wieder in den Fluss übergehen. 

Ansonsten brauchen wir Stand­punkte und Meinungen nur, um den Anspruch derer zu erfüllen, die sie von uns fordern. Wer sich zur Maßgabe setzt, dieser Forderung stets nachzukommen, macht sich zum Sklaven alten Denkens, in denen die Meinung und der Stand­punkt höher gewertet wurde als Diffe­renzierung und Entwicklung.

Natürlich: Wer bereits eine Meinung hat, der macht sich darin sichtbar, wie er sich entscheiden würde, wäre der Moment der Entschei­dung schon da. Ob er sich damit aber sinnvoller entscheiden würde, ist fraglich. Und gerade als Wähler wissen wir, dass wir eben nicht wissen, ob die Meinung, die heute verkündet wird, morgen noch gilt. Und die Änderungen dieser Meinungen sind für uns in den etablierten Parteien eben nicht trans­parent und auch nicht zuvor abschätzbar.

 

Werte als Leitlinien

Daher sage ich hier nochmals: Ein sich beständig entwickelnder Prozess der Findung von Betrach­tungs-Schwer­punkten und Entschei­dungen ist für viele von uns Wählern sicherlich annehmbar, sofern er transparent ist und wir Vertrauen haben können darin, dass sich die Entwicklung nach Werten wie Wahrheit, Lösung, Analyse und Authen­tizität richtet und nicht nach Kalkül, Machtanspruch und Taktik. Denn darum geht es letztlich: um die Werte, die wir leben wollen und die wir für sinnhaft erachten. Wenn wir also etwas brauchen, an dem wir als Wähler, Politiker, als Parteien und wir alle als Volk uns orientieren wollen, dann können und sollten das die Werte sein, die wir zu vermehren wünschen.

Anstatt also unser Handeln auf Konzepte und Meinungen zu basieren, können wir unsere Entschei­dungen nach Werten ausrichten. Ausrichten in der Weise, die nach unserem momentanen Gesamt­verständnis den gewünschten Werten best­möglichen Ausdruck verleihen würde. Wobei auch für die Werte selbst wiederum gelten würde, sie immer wieder neu zu definieren und zu differenzieren, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

Auch Beständigkeit mag zwar ein Wert sein, aber nur solange, wie sie andere Werte stützt. Sie wird aber hinderlich für andere Werte, wenn wir um der Bestän­digkeit Willen an Dingen festhalten, die nicht mehr der best­mögliche Ausdruck unserer Werte sind. Oder wenn wir Dinge ablehnen, die nach neu ent­wickeltem Verständnis wert­getreuer wären und wert­fördernder.

Oder um es mit Gandhis Worten zu sagen:

„Ich bin der Wahrheit verpflichtet, wie ich sie jeden Tag erkenne, und nicht der Beständigkeit.“ 

 

mein Wunsch an Euch

Ich wünsche mir, dass es Euer Ziel ist und es Euch gelingt, eine derartige neue Philosophie in Eure eigene Kultur zu integrieren und dann in die Gegenwart unseres poli­tischen und gesell­schaft­lichen Denkens zu trans­portieren; dass Ihr nicht nur selbst in Eurer häufigen „Stand­punktlosigkeit“ angenommen werdet und angenommen bleibt, sondern dass dadurch Politik wandlungs­fähiger wird - im konstruk­tiven, wahrhaftigen Sinne.

Bewahrt Euch darum bitte Eure Freiheit, Euch nicht endgültig festzulegen und Euch zum Beispiel in Prozenten auszudrücken, Fragen offen­zulassen und mit Tendenzen zu antworten, sofern es diese gibt. Und entwickelt darin Selbst­vertrauen und Selbst­verständnis und einsehbare Kultur. Zeigt Euch in dieser neuen Denkweise, diesem neuen System, das auf fortlaufender Neu­einschätzung, Perspektiv-Erweiterung und Verständnis-Vermehrung beruht. Bewahrt Euch Eure Offenheit, neue Fakten und Erkenntnisse stets neu mit einzubeziehen in Eurer Betrach­tung der Dinge und von Altem abzulassen, wenn es denn wirklich veraltet - auch dann, wenn es Euch einmal selbst definiert hat.

Derzeit durchdenkt Ihr Dinge neu, weil Ihr sie zum ersten Mal denkt. Bitte denkt sie auch dann wieder neu, wenn die Zeit danach ruft, auch wenn es dann Eure eigenen, früheren Gedanken sind, auf die Ihr stoßt und neu in Frage stellt.

Doch bitte verfallt auch nicht in das Gegenextrem: die Konzept­losigkeit ihrerseits zum Konzept zu erheben, die Stand­punktlosigkeit zum Stand­punkt und die Existenz einer Meinung als solche abzuwerten. Denn dies wäre ein Widerspruch in sich. Wenn eine Meinung, ein Stand­punkt oder ein Konzept wirklich das wider­spiegelt, wo Ihr jetzt steht und wie Ihr die Dinge seht –im klaren Mittel Eures kollektiven Verständ­nisses einer Sache–, so nehmt es, verkündet es zu gegebener Zeit auf gegebene Weise, und macht es zu Eurem – so lange, bis Ihr eine weiter­entwickelte Einschätzung habt.

 

Parteikultur als Vorbildkultur

Auf diese Weise tätet Ihr uns allen einen großen Gefallen, denn wir brauchen als Gesellschaft dringend Vorbilder, die uns einladen, immer wieder neu zu schauen, neu zu verstehen, ohne unser Erkennen durch Urteile abzuwürgen. Wenn Vorbilder sich dies vermehrt erlauben, dann tragen sie es in die Gesell­schaft. Dann können wir gemeinsam lernen, unsere geübten „Techniken“ und vorformulierten „Antworten“ zunächst anzuwenden und sie wert­zuschätzen - und sie dann loszulassen, wenn die Zeit reif ist für neue - bevor sie zur Behinderung werden.

Nicht nur neue Fragen brauchen dabei neue Beob­achtungen und Antworten, sondern auch alte Fragen, die sich neu stellen. Fragen zu allen Bereichen unseres Gesell­schaftssystems gehören dazu, wie z.B. das Schul­notensystem, zu dem Ihr Euch bereits positioniert habt, ebenso wie Wirtschaft, Justiz, Energie­gewinnung, Land­wirtschaft, Medizin, Gesundheits­wesen, Erziehung, Religion, Finanzwesen und so weiter. Denn das Denken in allen diesen Bereichen muss sich wandeln, um im Wandel der Zeit zeitgemäß zu bleiben und dienlich zu sein. Sie müssen immer wieder betrachtet, konstruktiv in Frage gestellt und neu beantwortet werden. Und bislang gibt es keine etablierte „Leitkultur des sich erwei­ternden Denkens“, nach denen dies geschehen könnte.

Ich bin gespannt, welche Kultur Ihr entwickeln werdet und welchen Einfluss diese auch auf andere Parteien und Gruppierungen nimmt.

Ich danke für die Aufmerk­samkeit, wenn sie denn bis zu dieser Zeile gereicht hat, und wünsche Euch viel Erfolg und Freude bei der Entfaltung des Potenzials, das Ihr habt.

 

 

Herzliche Grüße,
Arno Hohensee

 

 

PS:

Zudem möchte ich Euch am Rande noch mitteilen, dass mir persönlich und auch einigen Personen aus meinem direkten Umfeld Euer Parteiname nicht behagt. Auch wenn dieser ursprüng­lich anders gemeint gewesen sein mag und Ironie tragen soll, so ist der Pirat ein Symbol von Gewalt, Grenz­über­schreitung und Respektlosigkeit gegenüber dem Besitz und dem Leben anderer. Zwar ist er auch ein Symbol von Freiheit und Eigen­verant­wortung, aber bei näherem Blick ist weder das erste noch das zweite wirklich zutreffend, denn der Pirat macht sich abhängig vom Besitz und dem Erfolg anderer. Zudem kann der Pirat nur dorthin kommen, wohin ihn Wind und Strömung treiben.

Ich halte diesen Namen für ungeeignet, das zu trans­portieren, was Euch in der Summe -hoffentlich- ausmacht, denn das Gedanken­gut, dass zu Eurem Namen geführt haben mag, ist vermutlich um viel neues Gedankengut gewachsen, und Ihr tragt weit mehr Werte in Euren Reihen als man Piraten zubilligen möchte.

Ich bin gespannt, ob Ihr diesen Namen behaltet oder welchen neuen Ihr Euch eines Tages gebt - jedenfalls wird es mein Vertrauen in die Tiefe und Richtung Eurer Weiter­entwicklung beeinflussen.

Einstweilen hätte ich einen Vorschlag: die Bunten
Und Eure „Flagge“ könnte einen Farbkreis oder kreisrunden Regenbogen beinhalten.

Nicht sonderlich kreativ, aber einprägsam, verständlich und zutreffend, da dieser Name den integrativen Charakter Eurer Partei eingängig symbo­lisieren würde. Und er würde uns Wählern mitteilen: Hier gibt es keine Schwarz­weiß­malerei, und auch mein Ansinnen, meine „Farbe“, ist bei Euch vertreten.

 

 

© Arno Hohensee

www.beseelte-worte.de

 

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