Depressionen - tödliche Traurigkeit

Eine Reportage über die Krankheit zwischen Ausweglosigkeit
und Eigenverantwortung am Beispiel der Moderatorin Katharina Ohana

 

„Meine Füße baumelten über dem Main, mein Po berührte kaum mehr das Geländer und ich sah unten im schwarzen Wasser die wirbelnden Strudel. Sie zogen mich hinab...“ So beschreibt die 36jährige Katharina Ohana in ihrem Buch „Ich Rabentochter“ jene Situation, in dem sie dem Tode nahe war. Dem durch Selbsttötung. Die ehemalige Karatemeisterin, die Psychologie studierte und als Model in Paris Kariere machte, erzählt weiter, sie hätte sich zeitlebens in der Matrix ihrer Kindheit gefangen gefühlt, ohne dies wirklich erkannt zu haben - bis zu diesem Augenblick.


Suizid als Appell

Für über Zehntausend Menschen geht ein solcher Moment jedes Jahr allein in Deutschland anders aus als für Ohana. Im Jahr 2009 fügte sich mit Robert Enke, dem damaligen Torwart der deutschen Fußballnationalmannschaft, eine weitere prominente Person in diese traurige Reihe derer ein, die den Freitod tatsächlich vollziehen, und löste eine Welle der mitfühlenden Aufmerksamkeit im ganzen Lande aus. In jenem Land, in dem alle 45 Minuten ein Mensch durch den eigenen Willen stirbt, so das Magazin „nano“ (3Sat). Damit seien es mehr als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten, Drogen und Aids zusammen. Die Zahl der Selbstmordversuche läge nach Schätzungen noch weit höher. Diese jedoch sind oft nicht als tatsächlicher Versuch der Selbsttötung gedacht. So unterscheidet das Soziologische Institut der Universität Zürich zwischen suizidalen „Gesten“ und suizidalen „Handlungen“. Die Hochschule in dem Land mit einer der höchsten Suizidraten der Europäischen Union (WHO) benennt erstere als so geplant, dass es nicht zum Verlust des Lebens kommt. Stattdessen sei ein Appell an die Mitmenschen die vornehmliche Motivation des Suizids. Nur die zweiteren gründen auf dem festen Entschluss, zu sterben.

Die wesentliche Gemeinsamkeit der beiden Typen zeigt sich im Gefühlsleben der Menschen: Hintergrund der meisten Suizide seien nach Ansicht von Professor Ulrich Hegerl von der Universität München psychische Störungen, vor allem Depressionen, teilte er „nano“ mit.


Depressionen: mangelnder Selbst-Kontakt

Depressionen, ein medizinisch in den Krankheitsstatus erhobenes Gefühlsleben, beschreibt auch Ohana: „Ich war (…) in meinem Elend versunken…“. Doch sie ging nicht in die Statistik der Opfer dieser Krankheit ein, trotz aller Angst und Selbstzerstörung, die in ihrem Kopf kämpften, wie sie schreibt. Was sie auf der Mainbrücke eine andere Entscheidung treffen ließ, beschreibt sie als eine Art Augenblick der Erkenntnis: „Ich begann zu erkennen, dass es so war, dass mich etwas gefangen hielt, (…) und genau dieser Moment der Klarheit schaffte den Funken außerhalb der Struktur, außerhalb dieser totalen Fremdbestimmung.“ Zum ersten Mal in ihrem Leben habe sie sich in der Lage gefühlt, frei zu wählen.

In der Phänomenologischen Therapie, die durch den vielfachen Buchautor und Bewusstseinstrainer A.H. Almaas bekannt wurde, ist dieser Punkt genauer beschrieben: „Wenn man mit dem inneren Mangel ausreichend tief in Kontakt geht, kann schließlich von Innen das erscheinen, woran es mangelt.“, sagt der bekannte Gruppentherapeut Walter Mauckner, der Almaas´ Lehren anwendet. Ohana kam an der Schwelle des Todes in Berührung mit dieser Gegensätzlichkeit von Mangel und Vorhandensein: Wahlfreiheit inmitten des Gefühls der Fremdbestimmtheit. Diesem Funken ging sie nach und wählte für sich eine weitere Beratung. Nachfolgend stellte sie sich immer wieder ihrer Vergangenheit, ging in Kontakt mit den tragischen Momenten und ihren Wunden, erzählt Ohama.

In der Tat scheint bei depressiven Menschen der eigentliche Mangel das geringe Erleben und Ausdrücken der eigenen Emotionen zu sein. So charakterisiert die Psychologin und Bestsellerautorin Alice Miller („Am Anfang war Erziehung“) die Depression im Wesentlichen als eine Blockade im Zugang zu den eigenen Gefühlen. „...der Rest meines Körpers wurde zur Puppe.“ beschreibt auch Ohana ihre Selbstdistanz.

 

Eine Krankheit – viele Ursachen

Doch lässt sich die Krankheit, die mehr Opfer fordert als die meisten anderen, nicht nur psychologisch sondern auch vom medizinischen Standpunkt aus betrachten. Nach Überzeugung von Professor Hegerl sind die meisten Depressionen organisch bedingt. Unabhängig vom konkreten Auslöser komme es dabei zu Störungen im Gehirnstoffwechsel, wodurch positive Gefühlssignale vermindert und negative verstärkt würden. Hegerl empfiehlt entsprechende Medikationen.

Dr. med. John Switzer von der Ayurveda Klinik „Health and Beauty“ am Starnberger See sieht ebenfalls organische Störungen als wesentliche Ursache depressiver Erscheinungen. Er jedoch kritisiert die Verabreichung von Psychopharmaka und sieht eher ernährungsbedingte Ursprünge. Daher plädiert er für die Injektionen bestimmter Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Als Beispiel zeigt er das Vitamin B12 auf: "Es muss betont werden, dass ein Mangel an Vitamin B12 schwerwiegende neurologische Störungen auslösen kann“ - und nennt an erster Stelle die Depression.

Mit der Einstellung, Vitamine bzw. Ernährungsumstellung als Therapieform anzuwenden, steht er nicht allein. Bekannte Autoren aus der Medizin (Dr. Max Otto Bruker, „Zucker-Zucker, krank durch Fabrikzucker“), der Naturheilkunde (Heilpraktiker Henning Müller-Burzler, „Auf den Spuren der Metusalem-Ernährung“) oder der Kindererziehung (Lehrer und Vater Friedrich Klammrodt, „Unkontrolliert, aggressiv, überaktiv – ein Problem der Erziehung oder der Ernährung?“) stellen allesamt ungesunde Ernährung und Lebensmittelzusatzstoffe an den Pranger. Nicht nur körperliche Symptome sondern eben auch emotionale Störungen wie Depressionen seien deren Folge.

Teilweise findet sich dieser Ansatz bereits in der therapeutischen Praxis wieder. So schreibt die Psychotherapeutin und Gesundheitsberaterin Martina Pleyer (Mannheim): „Besonders die Nerven werden durch regelmäßigen Zucker gereizt (die äußere Nervenhülle –Myelinhülle- quillt auf und wird schwammig).“ Zucker sei somit ein Auslöser für psychische Zustände wie Depressionen, Aggressionen und Verwirrtheit, betont auch sie. Nach Pleyers Tenor ist eine Rückkehr zur gesunden Ernährung eine wirksame Maßnahme gegen Depressionen und andere emotionale Extreme.


Verantwortung für das eigene Leben

Es gibt also viele Perspektiven, aus denen diese oft tödliche Krankheit betrachtet werden kann. Und somit gibt es offenbar auch mehrere Hebel, die von den Betroffenen selbst bewegt werden können, um sich zu helfen. Doch zunächst muss freilich der Wille vorhanden sein, dies zu tun, gibt Psychotherapeut Mauckner zur Bedingung. Katharina Ohana ging hierbei jenen Schritt, den Mauckner als „initiatisch“ bezeichnet: sie erkannte ihre Vergangenheit an und übernahm die Verantwortung für sich und ihre Gefühle. Gerade auch für die eigenen Wunden die Verantwortung zu übernehmen, für die der Mensch ursprünglich nicht verantwortlich sei, sei der entscheidende Vorgang, so Mauckner.

Diese Haltung, sich selbst als verantwortlich (im Sinne von „zuständig“) zu sehen für das, was einem ´zugefügt´ wurde, vertritt auch Ohana aus überzeugender Erfahrung: "Es geht nicht um die Frage der Schuld, sondern vielmehr um tiefes Verstehen und die Verantwortung für das eigene Leben.".

Ihre „verzweifelten Versuche, durch Schönheit endlich Liebe und Anerkennung zu finden“ beendete sie und erwähnt eine Wandlung ihrer Haltung: Anstelle des Glaubens an einen allseits vorgezeichneten Schicksalsweg ginge es ihr heute besser mit der Ansicht, dass es Momente der Wahl gäbe.



© Arno Hohensee

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