Enttäuschung - selbst erschaffen / selbst gemanagt

Vorbemerkung: Lesen Sie hierzu zunächst den Beitrag "Enttäuschung - ursprünglich kein Gefühl" aus der Rubrik "Wortsinn & Sinnwörter".



 

Wir geben anderen oft Schuld an unseren Enttäuschungen bzw. an unseren Gefühlen des Enttäuscht-Seins. Damit versuchen wir unbewusst, ihnen die Verantwortung für unser innerliches Erleben zu übertragen. Wir selbst aber verursachen die Enttäuschung durch zwei Dinge: Erstens unsere Erwartungshaltung im Vorfeld (vor allem, wenn sie sich zu einer echten Anspruchshaltung gesteigert hat) und zweitens unsere bewusste oder unterbewusste Bewertung der realen Situation, die uns "enttäuscht".


Der Vorwurf des Enttäuscht-Seins

Wenn wir uns von einem anderen Menschen enttäuscht fühlen, so kann es zwar sinnvoll sein, ihm das mitzuteilen. Dann nämlich, wenn wir mit diesem Gefühl gesehen werden möchten. Der Andere kann sich -von uns in Kenntnis gesetzt- dann bewusster entscheiden, ob er in die Mitverantwortung für unser Gefühl gehen möchte (z.B. indem er uns hilft, ein anderes, positives Erleben zu haben). Ein solches Mitverantworten aber einzufordern, ist allenfalls dann stimmig, wenn der andere unsere Erwartungshaltung absichtlich bzw. bewusst aufgebaut hatte (z.B. durch ein klares Versprechen), hinterher aber nicht entsprechend handelte. Im Grunde ist er dann zwar immer noch nicht verantwortlich für unser Empfinden (das sind wir immer nur selbst), wohl aber für sein Handeln, das zu unserem Empfinden beigetragen hat.

Wir gehen aber vermutlich viel zu häufig davon aus, dass andere unsere Erwartungshaltung absichtlich aufgebaut haben und erwarten infolge dessen auch zu häufig ein Mitverantworten unserer Enttäuschungsgefühle. Hinzu kommt, dass wir bei akuten Enttäuschungsgefühlen die "enttäuschende" Situation oft negativer bewerten, als wir es ohne das Gefühl getan hätten. Und dafür kann niemand anderer etwas.

Beispiel:

Ein Mann verkündet seiner Frau mittags am Telefon: "Heute Abend machen wir etwas Schönes." Sie stellt sich daraufhin vor, er würde sie ins Theater o.ä. einladen. Sie hatte sich schon länger nach einem rein zweisamen Abend gesehnt, und die Erwartung an das Bevorstehende steigert sich zu einem unbewussten Anspruch daran, dass dieses nun in schöner Form kommen möge. Am Abend offenbart er ihr allerdings, dass er eine Verabredung zum Essen mit einem befreundeten Paar getroffen hat und sie damit überraschen wollte. Sie empfindet große Enttäuschung, weil ihre ursprüngliche Erwartung ihr mehr Freude bereitet hat als die jetzige, und ihr Anspruch verhindert, dass sie diese Erwartungshaltung augenblicklich loslassen kann.

Sie hätte zu einer solchen Verabredung mit dem befreundeten Paar durchaus Lust gehabt (dies hatte sie ihm sogar vor einiger Zeit mitgeteilt, erinnert sich aber gerade nicht mehr daran). Da sie aber nun eine Enttäuschung empfindet, fällt es ihr schwer, sich auf das mögliche Glück des Abends zu freuen.

 

Erwartungen, Enttäuschungen und das Potenzial für Glücklichsein

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich an diesem Beispiel, dass die Aussage "Du hast mich enttäuscht." unwahr gebaut ist, sofern wir damit das Gefühl des Enttäuscht-Seins meinen. Denn wir entscheiden letztlich immer selbst (bewusst oder unbewusst), welche Erwartungshaltungen und Ansprüche wir aufbauen und wie wir unser reales Erleben dann bewerten. Somit sind Erwartung, Anspruch, Täuschung und Enttäuschungs­gefühle unsere eigenen Konstruktionen. Wie bewusst wir sie verantworten, entscheidet darüber, welches Potenzial für Glück wir den Situationen übriglassen, von denen wir zunächst enttäuscht sind.

Im Beispiel entscheidet nun die emotionale Kompetenz bzw. emotionale Eingen­verantwortung der Frau darüber, welches Freude-Potenzial ihr Abend für sie haben wird. Hält sie jetzt an ihrem Enttäuschungs­gefühl fest und übergibt ihrer Enttäuschung die Führung über ihr Empfinden, so wird sie möglicherweise ihrem Partner gegenüber in Vorwurf gehen (was der kaum verstehen würde). Oder sie würde durch ihre Missstimmung die Verabredung unter keine gute Voraussetzung stellen, ihr noch die Freude zu bereiten, die sie ihr eigentlich bereiten könnte.

Nimmt sie aber ihr Gefühl bewusst wahr, erkennt dessen Ursprung und identifiziert sich nicht länger mit der Emotion, so kann sie diese zumindest teilweise entkräften. Auch projiziert sie das Gefühl dann nicht mehr so stark auf ihren Partner oder auf das bevorstehende Treffen. Somit hat sie eine größere Chance, noch einen "schönen" Abend zu erleben, der möglicherweise durchaus auch noch "zweisam" werden könnte - wie sie zuvor schon erhofft hatte.

Erfahrungsgemäß vergehen mit der Zeit anhaftende Enttäuscht-Seins-Empfindungen, wenn man sie ein paar mal auf solche weise bewusst gemanagt hat. Man erkennt dann das Enttäuscht-Sein als eine Art "Rückmeldung" über die eigenen Erwartungen und Bewertungen, anstatt sich davon "den Spaß verderben" zu lassen.


Übung zum Umgang mit akutem Enttäuschungs-Empfinden

Wenn Sie das nächste Mal Enttäuschungsgefühle verspüren, versuchen Sie einmal die E.l.s.a.-Methode:

  1. E. = Enttäuschung annehmen:
    Machen Sie sich bewusst, dass Sie sich getäuscht haben und diese Täuschung nun aufgehoben wird. Rufen Sie sich in Erinnerung, dass Ihre eigene bewusste oder unbewusste Erwartungshaltung zu einer Art emotionalem Anspruch an die Situation geworden ist, von der Sie nun ent-täuscht sind. Übernehmen Sie bewusst die Verantwortung dafür (im Sinne von "Zuständigkeit", nicht von "Schuld").  
  2. l. = "löschen":
    "Löschen" Sie dann für einen Moment alle Erinnerungen an Erwartungen und Ansprüche und orientieren Sie sich neu: Wie würden Sie die Situation und die Chancen, die sie bietet, wohl bewerten und empfinden, wenn Sie keine Erwartungshaltung gehabt hätten? Versuchen Sie durch diese Fragestellung Ihre innere Haltung sozusagen zu "resetten" und eine neue, neutralere Bewertung der Situation zu finden. Achten Sie dabei vor allem auf innerliche Wut- und Trotzgefühle, denn diese bescheren Ihnen ansonsten ggf. die nächste Täuschung über die Situation.
  3. s. = schauen:
    Dann schauen Sie sich die Situation genau an. Welches positive und welches negative Potenzial bietet sie tatsächlich?
  4. a. = akzeptieren und das Beste daraus machen
    Akzeptieren Sie, dass die Dinge nun so sind, wie sie sind (oder: so scheinen, wie sie jetzt eben scheinen). Jeder Widerstand, den wir gegenüber einer realen Situation aufbauen, macht sie eher "schlimmer". Das heißt nicht, dass wir zu jeder "enttäuschenden" Situation "ja" sagen müssen. Aber es ermöglicht uns, zwischen "ja" und "nein" oder anderen Möglichkeiten bewusster zu entscheiden. Dies ist entscheidend für unser innerliches und äußerliches Erleben (und ggf. das anderer). Und je mehr wir zunächst in eine Akzeptanz gelangen, desto "glückvoller" fallen tendenziell unsere nächsten Schritte aus.

(Anmerkung: Punkt 2 und 3 (l. und s.) laufen hierbei gemeinsam ab und brauchen ggf. mehrere "Durchgänge", bis die Wahrnehmung der Situation wieder von Gefühlen geklärt ist.)


 

Wenn wir eine intensive Enttäuschungs-Situation hinter uns haben und die Gefühle wieder relativ neutral sind (z.B. ein paar Stunden später oder am nächsten Tag), empfiehlt sich zudem ggf. eine Nachreflexion: In dieser forschen wir nach, was genau wir erwartet hatten und warum. Was an der neuen Situation erschien uns soviel weniger erfreulich als an der, die wir zuvor erwartet hatten? Gibt es eine Ähnlichkeit mit früheren Ent­täu­schungen? => Finden sich vielleicht musterhafte Erwartungs­haltungen und Denkweisen, die wir zukünftig im Vorfeld schon bemerken könnten?

 

Ein solch bewusster Umgang mit Enttäuschungsgefühlen trägt automatisch dazu bei, zukünftig auch bewusster mit Erwartungen und Ansprüchen umzugehen. Und er hilft, den oft verborgenen, alten Mangel unserer Gefühlswelten kennenzulernen, der hinter vielen Erwartungen und Sehnsüchten steht und dessen Ausgleich wir seit jeher unbewusst von unserer Umwelt einfordern.

Und all dies zusammen kann uns dienlich sein, auch unsere Vorwürfe zu klären. Je mehr Übung wir haben, desto weniger enthalten unsere Vorwürfe noch solche Anteile, die nur mit uns selbst zu tun haben und den anderen tendenziell zu Rechtfertigungen oder Gegenvorwürfen motivieren. Stattdessen werden unsere Vorwürfe so immer mehr zu neutralen Formulierungen ehrlichen, subjektiven Bedauerns, das den anderen eher berührt als angreift.



© Arno Hohensee

www.beseelte-worte.de

 

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