Erziehung - ein Einmaleins

Die Ebenen des kindlichen Lernens


Vorwort:
Im folgenden beschreibe ich bestimmte Betrachtungsweisen zum Thema der Erziehung, die ich im Laufe meiner Erfahrungen eingenommen habe. Es sind Reflexionen, die nicht den Anspruch auf Korrektheit, Vollständigkeit und Allgemeingültigkeit erheben, sondern die einem interes­sierten Leser bzw. Leserin als Reflexionsgrundlage und Anregungen dienen mögen.

Zur Wortwahl: Die Begriffe 'Erziehung' und 'Lehren' sind in ihrer Definition weit dehnbar. Ich verwende sie hier im Verständnis, dass es sich um Impulse handelt, die wir als Eltern und Bezugspersonen bei einem Kind setzen. Wenn ich also schreibe, dass ich das Kind etwas 'lehre' durch meine 'Erziehung', dann bedeutet das in meinem hier gebrauchten Verständnis nicht, dass das Kind das Gelehrte bzw. meine Erziehung annimmt und integriert. Es meint lediglich, dass ich einen Impuls in die jeweilige Richtung setze und damit die Wahrscheinlichkeit erhöhe, dass sich die kindliche Persönlichkeit bzw. sein Handeln in diese Richtung entwickelt.

 

Einleitung

Erziehung wird wohl allgemeinhin als das verstanden, was wir unsere Kinder lehren. Das, was unsere Kinder von uns lernen, ist aber weit mehr als das, was wir sie bewusst zu lehren versuchen. Es ist vielmehr die Summe all dessen, was sie von uns abschauen, was sie von unseren Handlungsweisen, Empfindungsweisen und Denkweisen übernehmen – auch wenn wir es nicht gezielt 'lehren' bzw. 'anerziehen'. Unsere Erziehungs-Ziele und die tatsächlichen Erziehungs-Erfolge können daher weit auseinanderliegen. Je bewusster wir uns unserer tatsächlichen Wirkung auf die Kindespersönlichkeit sind, desto eher können wir auch zielorientiert erziehen.

Die unterschiedlichen Kulturkreise, Bräuche und Religionen auf der Erde und das unterschiedliche Selbstverständnis der Menschen an den verschiedenen Orten und sozialen Gruppierungen über Generationen hinweg zeigen, dass Kinder in erster Linie das lernen, was ihre Bezugspersonen tun. Dieser Mechanismus der Nachahmung ist wohl der evolutionär älteste für das Lernen, und er ist nicht nur beim Menschen sondern auch im ganzen Tierreich vorherrschend: Kinder lernen in erster Linie über die Beobachtung und Nachahmung der Bezugspersonen. Ergo 'erziehen' wir als Bezugspersonen nicht in erster Linie mit dem, was wir sagen, wozu wir auffordern, was wir belohnen oder bestrafen, sondern mit dem, was wir selbst tun.

 

 

Die Persönlichkeit des Kindes nimmt sich meine Persönlichkeit als Elternteil 'zum Vorbild':

 

"Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen." - Aurelius Augustinus 

 

 

 

Kurzfristig (situativ) und mittelfristig (auf das Umfeld bzw. auf die Familiendynamiken bezogen) scheint die 'Anpassung' möglicherweise der stärkste Einfluss der Erziehung zu sein. Dabei strebt das Kind danach, sich so zu verändern, dass es am meisten 'Wohlgefühl' (Liebe) empfindet und am wenigsten 'Schmerz' (Ablehnung etc.).

Die Anpassung kann auf den Ebenen des Verhaltens, des Selbstverständnisses, der Gefühle und sicherlich noch anderen erfolgen. Am leichtesten zu beobachten ist sie jedoch auf der Verhaltensebene, daher ist diese hier exemplarisch beschrieben.

(Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass 'Anpassen' nicht immer 'Fügen' bedeutet. Auch die scheinbare 'Nicht-Anpassung', in der das Kind trotzig oder introvertiert o.ä. reagiert und nicht 'Folge leistet', kann eine Meta-Form der Anpassung sein. In diesem Fall wählt das Kind eine Verhaltensweise (oder Empfindungsweise etc.), mit der es am besten mit seiner Situation 'zurechtkommt'.)

Auf der Ebene der Anpassung lässt sich gegebenenfalls das äußerliche Verhalten des Kindes in der Weise verändern, die ich mir als Erzieher wünsche. Wenn ich beispielsweise mein Kind zurechtweise, weil es etwas (in meinem Augen) 'Schlimmes' getan hat, und es tut dies in Zukunft nicht mehr, dann sieht das zunächst wie ein Erfolg meiner Erziehung aus. Ob das Kind aber nun ein inneres Stimmigkeitsgefühl dafür bekommen hat, was 'gut und richtig' ist auch in seinen Augen, ist fraglich. Möglicherweise handelt es ab jetzt nur deshalb anders, weil es sich mir gefügt hat, also meinem Schimpfen ausweicht oder mir entsprechen möchte. Auf diese Weise können Verhaltensprogramme und Gefühlsstauungen entstehen.

Wie in der obigen Aufzählung angedeutet, enthält die Ebene der Anpassung auch den Mechanismus der Manipulation, sowohl der Manipulation des Kindes durch den Erwachsenen als auch den des Erwachsenen durch das Kind, das durch andere Verhaltensstrategien den Erwachsenen mitunter beeinflussen möchte. Wenn ich als Elternteil weder manipulieren noch manipuliert werden möchte, dann muss ich dazu auch Aktio und Reaktio bewusst unterscheiden: Je mehr meine Liebe und meine Wertschätzung sowie meine Gefühle und mein Handeln von meinem Kind und seinem Verhalten abhängen,"Der Erwachsene achtet auf Taten, das Kind auf Liebe." - aus Indien desto mehr 'reagiere' ich und werde manipulierbar. In der Folge dessen 'lehrt' meine Erziehung dann tendenziell auf der Erziehungs-Ebene der Reaktion, also der Anpassung des kindlichen Verhaltens und Fühlens und der Manipulation. Je unabhängiger ich aber meine Werte lebe, je unbedingter meine Liebe ist vom 'Sein' des Kindes, desto mehr agiere bzw. 'führe' ich. Meine Erziehung 'lehrt' dann tendenziell auf der Ebene des natürlichen Folgens durch Nachahmung und wahre Überzeugung.

 

Die dritte Ebene der Erziehung: Überzeugung (durch Worte) - 'Ich lehre das Kind das, wovon ich es (mit Worten) überzeuge.'

Jemanden zu überzeugen meint hier, seine Perspektive und somit sein Bewusstsein zu verändern. Das kann einerseits auf der beschriebenen Ebene der 'Nachahmung' geschehen beziehungsweise des 'Vorbildseins' (wenn das Kind andere beobachtet, dadurch etwas versteht und es fortan nicht nur 'blind nachahmt' sondern aus Überzeugung übernimmt) aber andererseits auch auf der Ebene der direkten Erklärungen mit Worten.

 

Deutlich wird dies an folgenden Beispielen:

Wenn ich mein Kind anschreie, dass es Schlafen gehen soll, weil es am nächsten Morgen ausgeschlafen sein soll, dann ist die emotionale Erfahrung des Angeschrien-Werdens in der Wahrnehmung des Kindes wohl meistens größer als das rationale Verstehen ('Morgen bin ich nur ausgeschlafen, wenn ich jetzt nicht das tue, was ich möchte, sondern stattdessen ins Bett gehe. Und das Ausgeschlafen-Sein morgen ist wichtiger als das, was ich jetzt will.'). Folglich versucht es eher, die unangenehme emotionale Erfahrung (das Angeschrien-Werden) zu beenden, als dass es wirklich überzeugt ist vom Wert des frühen Zu-Bett-Gehens. Insbesondere wenn ich selbst abends meist lange aufbleibe, obwohl ein früheres Zu-Bett-Gehen auch für mich sinnvoll wäre, werden meine Aufforderungen an das Kind noch weniger Früchte auf Ebene seiner inneren Überzeugung haben.

Ebenso hilft es zwar, meinem Kind die negativen Folgen des Rauchens zu verdeutlichen, wenn ich nicht möchte, dass es raucht. Doch diese kognitive Verdeutlichung wird schwächer sein als die Wirkung meines eigenen Vorbild-Seins und die emotionale Bedeutung, die das Rauchen für das Kind früher oder später (in seinem Nachahmungs- und Anpassungs-Umfeld) bekommen wird.

Erklärungen und Verstandes-Botschaften kommen also umso mehr beim Kind an, je weniger sie in Konkurrenz zu den Ebenen der Nachahmung und der Anpassung stehen. Das Bewusstsein meines Kindes durch Erklärungen zu verändern wird also umso leichter, je mehr ich

1. das lebe, was ich erkläre (Nachahmungs- bzw. Vorbild-Ebene)

2. und die Erklärungen frei von emotionalem Beiwerk wie eigene Gefühle, Belohnungs­versprechen oder Strafan­drohungen lasse (Anpassungs-Ebene).

Zusätzlich ist es oft notwendig, dass meine Erklärungen für kindliches Verstehen zugänglich formuliert sind und zu einem Zeitpunkt erfolgen, in dem das Kind sich nicht in intensiven Gefühlslagen befindet. Auch bei Erwachsenen braucht es schließlich ein Mindestmaß an innerer Gelassen­heit und verständlicher Kommunikation, bevor der Verstand vorgelegten Betrachtungen folgen kann und will. Gerade bei Kindern hilft es meiner Erfahrung nach, vor etwaigen Erklärungen eine emotional neutrale oder positive Stimmung des Kindes abzuwarten oder dem Kind dabei zu helfen, in neutrale Stimmung zu kommen. Als ebenso wichtig erweist es sich, während meiner Erklärungen die Kindes­stimmung möglichst nicht direkt zu beeinflussen (was meist erfordert, dass ich selbst innerlich neutral und in meinen Worten wertfrei bleibe). Übe ich durch meine Erklärungen irgendeine Form von Vorwurf, Druck oder Wertung aus, dann rufe ich damit Gefühls­reaktionen des Kindes hervor, die die Wirkung der authentischen Überzeugung eher abschwächen. Als dienlich haben sich erwähnte innere Neutralität, aber auch Mitgefühl und Wertschätzung erwiesen.

 

Beispielsituation zur Veranschaulichung der Erziehungsebenen

Ausgangssituation:

 


Fall 1:

Erziehungshandlung:

Ich gehe in sein Zimmer und schimpfe ihn an: 'Hör auf so rumzubrüllen, Du Schreihals, Du störst das ganze Haus. Wenn Du nicht aufhörst, können Deine Freunde gleich nach Hause gehen und das Spielen ist für heute gelaufen.'

Die Lehre auf Ebene der Nachahmung:

 

Die Lehre auf Ebene der Anpassung:

Ein Bewusstsein dafür, mit seinen lautstark geäußerten Emotionen und Wünschen umzugehen, habe ich meinem Sohn nicht gegeben. Somit bleibt ihm nur, seine Wut und seinen Drang, sich impulsiv mitzuteilen, zu unterdrücken. Er übernimmt entweder meine verurteilende Sichtweise, ohne seine Situation für sich gelöst zu haben, oder er rebelliert (im Stillen) gegen meine Bewertung und Drohung. So oder so ist die Wahrscheinlichkeit, dass er Wut anstaut, relativ hoch. Auch ist die Chance hoch, dass er 'hinter meinem Rücken' wiederum ähnlich handelt.

Die Lehre auf Ebene der Überzeugung:

Zwar wurde dem Kind mitgeteilt, dass sein Verhalten mich und möglicherweise auch die Hausgemeinschaft stört, aber die emotionalen Anteile der Situation (Spielgeschehen mit Freunden; Beschimpft werden; Androhung von Spielentzug) überlagern mehr oder weniger diesen Bewusstseinsimpuls. Eine Überzeugung kann also nicht stattfinden. Damit das Kind sein Verhalten aus eigener Überzeugung heraus für andere (mir und der Hausgemeinschaft) ändern würde, müsste es z.B. Mitgefühl mit diesen 'anderen' haben. Mitgefühl jedoch habe ich selbst nicht gezeigt und dem Kind auch keinen Kontakt zu seinem eigenen gegeben.

Vermutliche Erziehungs-Impulse:

wütend sein; sich und andere beschimpfen; sich und andere bewerten; drohen; still sein und dafür Gefühle unterdrücken müssen


Fall 2:

alternative Erziehungshandlung:

 

Die Lehre auf Ebene der Nachahmung:

"Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts." - Friedrich Fröbel 

Ich bin auf Kinder, die mich störten, verständnisvoll und helfend zugegangen. Ergo lernt das Kind, auf andere, deren Verhalten störend ist, verständnisvoll und helfend zuzugehen.

Die Lehre auf Ebene der Anpassung:

Diese ist hier weniger wichtig, da eine Lösung der Situation eine Anpassung oder gar Manipulation überflüssig macht. Gegebenen­falls lernt das Kind lediglich, sich anzu­passen im Sinne des Eingehens von Kompro­missen und sich für diese etwas zurückzunehmen.

Die Lehre auf Ebene der Überzeugung:

Je nach meiner Gesprächsführung habe ich einen Impuls gesetzt, das eigene, laute 'Wutäußern' zwar einerseits nicht zu verurteilen, andererseits aber auch nicht als Lösung anzusehen. Gegebenenfalls ist es mir gelungen, einen Lösungsweg für entsprechende Situationen aufzuzeigen, mit oder ohne der Hilfe eines Erwachsenen. Auch ein Bewusstsein, dass 'Lautstärke' auch andere stören kann, habe ich möglicherweise ein Stück weit vermittelt.

Vermutliche Erziehungs-Impulse:

Verständnis; Offenheit; Lösungsbewusstsein; Hilfsbereitschaft...

 

Reflektionssätze für den Alltag

Folgende Gedanken haben mir in vielen Situationen und auch in Nachreflexionen geholfen, mein Kind wertebasiert zu 'führen' und nicht nur emotionsbedingt zu 'behandeln'.
 

"Unsere Kinder sind unsere Meditation."- Jack Kornfield 



© Arno Hohensee

www.beseelte-worte.de

 

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