Unsere Sehnsucht nach Gewinnern


Je mehr wir uns als 'Verlierer' fühlen im Leben -entweder offen oder verborgen in unserem Unbewussten- desto mehr sehnen wir uns wohl danach, uns mit 'Gewinnern' zu identi­fizieren. Mit Wettkämpfern oder Sport­vereinen, Stars und Prominenten, vielleicht auch mit Freunden oder Familien­mitgliedern. Wir geben ihnen unbewusst den Auftrag, die Kämpfe zu gewinnen, die wir für uns selbst verloren­gegeben haben, den Erfolg zu verwirklichen, den wir uns nicht mehr zutrauen, und das auszugleichen, woran es in unserem Selbstgefühl mangelt.

Und um ihnen näher zu sein, kleiden sich manche von uns sogar in ihre Trachten, hängen sich ihre Bilder an die Wand, singen ihre Lieder, übernehmen ihre Gesten und machen manchmal gar ihre Leitbilder zu den eigenen Lebensmotiven.

Wir sind gefesselt im Angesicht ihrer Siege und Niederlagen, empfinden wir diese doch als unsere eigenen. Welch Hochgefühl überkommt uns, wenn wir sie siegreich sehen, welch Mut ziehen wir daraus und welch stolzes Wertgefühl. Doch welch Niedergeschlagenheit ergreift uns in ihrer Niederlage. Lasten wir ihnen ihre Niederlage nicht an, so ist es nur Traurigkeit und Enttäuschung darüber, dass uns ein erhofftes, positives Empfinden versagt blieb, unsere Helden nicht glückvoll oder stark genug waren - und wir es empfundener Weise nun auch nicht sind. Aber lasten wir ihnen ihre Niederlage an, so geben wir ihnen zornig die Schuld an unserer zerschellten Hoffnung durch ihr vermeint­liches Versagen. Dass aber ihr 'Versagen' nur darin besteht, unseren unbewussten Auftrag der Besserung unseres Selbst­gefühls nicht erfüllt zu haben, nehmen wir nicht wahr. Stattdessen zeigen wir auf jene Dinge, die sie unserer Ansicht nach hätten tun sollen für den Sieg - und für unseren Anspruch und unsere Hoffnung.

Doch wenn wir einst unseren eigenen Lebensmut finden, unser Vertrauen in uns und unser Urvertrauen in das Leben, unser Wertgefühl für uns selbst, so ist der Gewinn oder Verlust anderer nicht mehr entscheidend für uns. Verbinden wir uns mit unserem eigenen Wesen, bis in die Tiefen unserer Seele, so gesundet das Maß an Verbundenheit mit anderen um jenen Teil, der zuvor nur Bild oder Wunsch gewesen ist. Und die Kraft, die wir in diese Projektionen abgegeben hatten, kehrt zu uns zurück und vervoll­ständigt uns – und erlöst die anderen von unserem Anspruch. Wir können ihre Wettkämpfe und Auftritte, Karrieren und Wahlen betrachten, unterstützen und spannend finden, sogar genießen, gleich wie sie ausgehen. Und wir umgeben uns nicht länger mit den Symbolen der erhofften Gewinner sondern mit solchen Utensilien, die uns wahrlich entsprechen und inspirieren und uns tiefer in die Selbstverbundenheit führen, in unsere ureigenen Wesens­eigenschaften, unsere Talente - und in die Freuden, die wir selbst zu erschaffen fähig sind. Wir fühlen und erkennen uns selbst immer mehr -verstehend, mitfühlend und urteilsfrei- und brauchen uns nicht mehr mit anderen zu identifizieren, um etwas auszugleichen, das wir zu viel oder zu wenig zu haben glaubten. Denn wir übernehmen bereit­willig und kraftvoll unsere Eigen­verantwortung für unser Leben und Erleben und geben sie nicht länger ab an irgendjemanden, der sie letztlich doch nicht auf Dauer tragen kann. Und unser Glaube an uns selbst ist nicht länger abhängig von dem vermeint­lichen Erfolg anderer, denn er strauchelt nicht länger irgendwo im Außen sondern ankert im Inneren unseres eigenen Herzens.



© Arno Hohensee

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