Ehrgeiz - eine Reflexion


Ein Brite zu Gandhi: 'Sie sind ein ehrgeiziger Mann.'
Gandhi: 'Ich will es nicht hoffen.'

 

Was ist Ehrgeiz? Dieses Wort wird häufig als Synonym gebraucht für Zielstrebigkeit, Erfolgswillen, Eigenmotivation oder sogar Beharrlichkeit. So verwendet mutet es positiv an, beinahe wie eine Tugend. Doch ein beharrlicher Mensch voller Zielstrebigkeit und dem natürlichen Willen des Erfolges muss keinesfalls Ehre zum Ziel haben oder gar mit ihr geizen. So scheint das Wort 'Ehr-Geiz' für die Art, wie es vielfach verwendet wird, falsch gebaut. Es sei denn, es geht um den sogenannten 'falschen Ehrgeiz' oder 'krankhaften' oder 'übertriebenen' Ehrgeiz - in diesem sind die Teilworte 'Ehre' und 'Geiz' dann schon eher spürbar. Warum aber sollte es solche Attribute brauchen, um ein Wort in seinem Aufbau stimmig werden zu lassen?


verfremdete Wortbedeutung

Nicht das Wort ist falsch gebaut, sondern unsere Verwendung ist verfremdet. Ehrgeiz ist eben nicht bloße 'Zielstrebigkeit' oder dergleichen. Die Vermischung der Bedeutungen kommt vermutlich daher, dass Ehrgeiz und Zielstrebigkeit bzw. Erfolgswillen und Ähnliches oft gemeinsam auftreten: Wer sehr ehrgeizig ist, ist oft auch zielstrebig und erfolgsorientiert. Und in der Vergangenheit war umgekehrt ein Mensch, der zielstrebig und erfolgreich war, oft auch ehrgeizig. Die gemeinsame Wahrnehmung der Dinge verschmolz die eigentlich getrennten Bedeutungen. Doch der Erfolg bzw. das Ziel des aus Ehrgeiz Strebenden ist eben nicht frei, sondern eben auf 'Ehre' gerichtet, die er nicht teilen mag – wie immer 'Ehre' auch definiert sei im Geist des Ehrgeizigen. Der Künstler beispielsweise, der an seinem Werk Jahrelang zielstrebig feilt -um des Werkes Willen und aus Freude am Erschaffen- ist nicht notwendiger Weise ehrgeizig. Er schöpft sein Tun aus Freude und innerem Reichtum, was hätte das mit 'Geiz' zu tun? Der Künstler hingegen, der einen erfolgreicheren beneidet und kopiert, um genauso geehrt zu werden wie dieser, hat mehr von 'Ehrgeiz' in seinem Tun.

Wenn das Wort 'Ehrgeiz' eine Tugend beschreiben soll, dann fehlt uns ein Wort für das, was 'Ehrgeiz' eigentlich heißt. Es ist aber ungemein wichtig für eine Gesellschaft, für 'den Geiz der Ehre' ein Wort zu haben, denn er ist weit verbreitet und muss thematisiert und reflektiert werden können, um bewusst mit ihm umzugehen.


Ehrgeiz erwächst dem Ego

Definieren wir das Wort daher nicht neu sondern führen es in seine ursprünglichste Bedeutung zurück:

Ehrgeizig ist der, der nach Ehre giert, mit ihr geizt und somit geizigen Neid empfindet auf die Ehre anderer.

Der Ehrgeizige, der mit der Ehre geizt, möchte soviel als möglich von der Menge Ehre, die es in einer Angelegenheit zu bekommen gibt. Bekommt jemand anderer mehr, so erfährt er das als eine Herabstufung seiner selbst, ein 'Schlechter-Sein' als der andere. Für den Ehrgeizigen sind Vergleichssituationen nicht sportlicher Wettstreit (in gegenseitiger Wertschätzung und Gunst) sondern Konkurrenz um Wert und Ansehen, in der man den anderen nicht als Mitstreiter sondern als Gegner empfindet. Hier zeigt sich die Ego-Behaftung des Ehrgeizes: nicht 'mit' sondern 'gegen', nicht Verbundenheit sondern Trennung vom anderen.

Der 'Archetyp des Ehrgeizigen' sucht den Applaus, die Bewunderung, die Anerkennung und den Status und möchte in seiner 'Ehre' über anderen stehen. Wenn er die Wahl hat zwischen 'das Richtige tun, aber dabei im Schatten stehen' einerseits und 'das Falsche tun, dabei aber im Licht stehen und geehrt sein' andererseits, dann entscheidet er sich für das Letztere. Nicht die Welt ist ihm an erster Stelle wichtig, sondern er selbst. Er definiert sich in erster Linie über die Position und das Maß an 'Ehre', das ihm von Außen zugedacht wird; er definiert sich nur in soweit über das, was er ist und was er tut, über sein Herz und sein Bewusstsein, wie ihm dies 'Ehre' einbringt in seinem geizigen Hunger danach. Dies erklärt die 'Wendehälse' der Geschichte, die immer dem dienten, in dessen Dienst sich der Geiz der Ehre am stärksten befriedigen ließ durch Status, Ansehen und Macht. Der rein durch Ehrgeiz motivierte Politiker 'dreht sein Fähnchen' nach dem Wind der äußeren Anerkennung und kann dem Tyrannen ebenso zielstrebig dienen wie dem Friedensführer.> 

Darum war Gandhi tatsächlich nicht ehrgeizig, denn es ging ihm nicht darum, sich über andere zu erheben und sich somit von ihnen zu trennen (ein Kernpunkt des Egos), sondern Menschen im Frieden zu verbinden (ein Kernpunkt der Spiritualität).


Ehrgeiz macht das Herz nicht satt

Ehrgeiz ist in reiner Form die Symptomatik einer Psyche, die in uraltem Hunger nach Anerkennung die eigene Verantwortung für ihr Selbstwertgefühl nicht zu sich nimmt sondern von der Außenwelt einfordert. Sie befindet sich in ständigem Vergleich mit dem Wert und der Ehre anderer. Sehr ehrgeizige Menschen mögen oft reich an äußerlichem Erfolg sein, aber kaum reich an innerer Fülle.

Und doch ist Ehrgeiz längst kein Garant für weltlichen Erfolg, noch nicht einmal für das Streben nach Erfolg. Denn Ehrgeiz kann auch in Frustration und Resignation münden, wenn der Ehrgeizige irgendwann bemerkt, dass er nicht das bekommt, wonach er sich wirklich sehnt. Manch zurückgezogener, verarmter Mensch ist nicht aufgrund mangelnden Ehrgeizes in Abgeschiedenheit und vielleicht gar Mittellosigkeit geraten, sondern gerade eben weil der Ehrgeiz lange die Triebfeder seines Handelns war und ihn zuerst innerlich, dann äußerlich hat aushungern lassen. Denn Ehrgeiz macht das Herz nicht satt. Geiz ist ein Ausdruck von Hunger und innerer Armut, und wer dem Geiz folgt, der bleibt oder wird hungrig und arm. Gegebenenfalls auch im Außen. Die wirklich Ehrgeizigen der Geschichte, die es zu wirklicher weltlicher 'Größe' brachten, starben deshalb nicht selten als einsame Menschen. 


Ehrgeiz braucht von außen, Eigenmotivation schöpft von innen

Wenn wir uns als Menschen und als Gesellschaft wünschen, dass unser Erfolg ein gemeinsamer und verbindender ist, der nicht auf der Trennung des Höhergestellt-Seins beruhen soll, sondern der unser Miteinander bereichert, hilft uns Geiz -eben auch Ehrgeiz- dabei nicht. Es gilt, den Unterschied zu kennen zwischen freier 'Zielstrebigkeit' und kreativer 'Eigenmotivation' einerseits und 'Geiz mit der Ehre' andererseits. Ersteres schöpft aus dem Innern und bringt Erfolg auf Ebene innerer Zufriedenheit. Zweiteres braucht etwas von außen und befriedigt letztlich nur vorübergehend das Ego durch äußerlichen Erfolg.

Immer noch durchziehen gewachsene Strukturen, die geprägt sind vom Gedankengut des Ehrgeizes, unsere Kultur. Unser Hang zu Statussymbolen gehört ebenso dazu wie unser Schulnotensystem und auch das übliche Festhalten an staatlichen Ämtern und betrieblichen Positionen, die das eigene Ehrgefühl nähren.

Wie entspannt könnte unser Leben wohl sein in einer Welt, in der es keinen Ehrgeiz gäbe, wohl aber den natürlichen, inneren Antrieb, die Dinge für sich und für andere zu verbessern? In der wir uns nicht mehr ständig vergleichen würden mit dem vermeintlichen 'Wert' und der 'Ehre' anderer? Und wie bereichernd wäre es für einen Staat, wenn die Menschen, die wichtige Positionen innehaben, eben nicht mehr aus innerem Hunger nach Ehre an ihnen festhielten, wenn jemand anderer sie besser ausfüllen könnte?

Wenn es einst soweit ist, wenn wir einst soweit sind, dann sind wir ein gutes Stück weitergekommen in den Werten, die wir als Gesellschaft leben. Und Ehrgeiz wird nicht mehr dazugehören.



© Arno Hohensee

www.beseelte-worte.de

 

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